Premiere: 19.09.2009 / 22:30 Uhr
Besetzung
| Inszenierung | Katharina Holler |
| Bühne und Kostüme | Christopher Melching |
| Dramaturgie | Sascha Löschner |
| Lynndie | Katja Jeannette Steuer |
Covergirl ist der Versuch, sich den schrecklichen Bildern der sexuell gedemütigten und gequälten Inhaftierten im Bagdader Gefängnis zu stellen und angesichts der Vorkommnisse in Abu Ghraib eine Diagnose der zivilisatorischen Standards der westlichen Welt zu formulieren. Stellvertretend für viele der weltweit agierenden Folterer im Dienste westlicher Demokratien ist Lynndie England zur negativen Ikone des Schreckens geworden. Sie hat mit ihren Fotos die Titelseiten beherrscht: Lynndie mit einem Häftling an der Hundeleine, Lynndie grinsend hinter einer Pyramide nackter Männer, Lynndie auf einen masturbierenden Gefangenen deutend…Das Stück basiert auf intensiven Recherchen und bringt uns einen Menschen näher, zu dem wir lieber Distanz halten möchten. Unsere Fassungslosigkeit macht uns dabei unsere privilegierte Stellung umso deutlicher.
Sie wurde zum Covergirl- weltweit war Lynndie England auf den Titelseiten der Zeitungen und Zeitschriften zu sehen. Ich bin das Covergirl, wird sie sagen, ein Covermonster. Nachdem die furchtbaren Fotos aus dem Gefängnis von Abu Ghraib nahe Bagdad. Im Frühjahr 2004 um die Welt gingen, verkörpert die junge Soldatin das böse Amerika.
(Von Liane Bornholdt)
Stendal. Die Fotos zeigten Lynndie mit einem nackten Gefangenen an der Hundeleine, Lynndie vor einer nackten Menschenpyramide, Lynndie grinsend mit Zigarette vor einem masturbierenden Gefangenen.
Die Münchener Theaterwissenschaftlerin Barbara Herold hat wie alle die Fassungslosigkeit angesichts dieser Bilder erlebt und suchte sie dennoch zu erfassen.
Sie hat sorgfältig und lange recherchiert. Ihre Theatercollage „Covergirl“ trägt den Untertitel „Wie Lynndie England dazu kam, das böse Amerika zu verkörpern“ In einer Mischung aus Fiktion und Dokumentation versucht sie, das Unbegreifliche zu klären, nicht zu erklären. Am 24. Juni 2008 ha Barbara Herold mit der Schauspielerin Maria Fliri „Covergirl“ auf der Probebühne des Vorarlberger Landestheater als freie Produktion inszeniert und ist seitdem auf verschiedenen Bühnen damit aufgetreten. Theatereigene Inszenierungen waren bisher die Ausnahme. Am Theater der Altmark hat man jetzt das heiße Eisen angepackt. Katharina Holler hat „Covergirl“ mit Katja Jeanette Steuer als Lynndie inszeniert.
Es ist ein schonungsloses Stück geworden. Das stück wirkt durch die Klarheit, mit der die Biografie Lynndies vorgestellt wird, die sie fast zwangsläufig in die furchtbare Situation führt, in der an ihrem 21. Geburtstag die Bilder entstehen.
Sie wächst in kleinsten Verhältnissen in einem Wohnwagenpark auf, kämpft sich gegen den Widerstand ihrer Eltern und trotz Legasthenie durch die High- School und heiratet im Alter von 18 Jahren.
Mit 19 ist sie aber schon wieder geschieden und will sich bei der Army Geld für einen Collegebesuch verdienen.
Genau dann beginnt der Irak- Krieg und sie wird abkommandiert als Verwalterin in Abu Ghraib.
Nichts weiß sie von sich und anderen. Sie kennt nur die berühmte Erklärung von Gettysburg und Angst.
Das, was sie sein wird, ist genau das, was der Krieg aus einem jungen Menschen macht. Dennoch beschönigt dieses Stück nichts. Es ist nicht die große verständnisvolle Geschichte einer chancenlosen Frau, die verführt wurde.
Aus Kargheit entsteht Eindringlichkeit
Katja Jeanette Steuer spielt Lynndie hart, kühl und sogar etwas zynisch. Vor allem aber zeigt sie, dass alle Beteiligten sehr genau wussten, was sie taten.
Sie lässt die Heuchelei und Widersinnigkeit der ganzen US- Militärmaschinerie im Irak deutlich werden und wie eine zweite Ebene darüber auch das, was die Medienmaschine und schließlich auch die Justiz aus diesem Krieg macht. Nein, sagt Lynndie, ich bin nicht schuldig, denn die, die verantwortlich sind, werden nicht angeklagt. General Miller nicht, Donald Rumsfeld nicht, Dick Cheney und Condoleezza Rice nicht und natürlich nicht der Präsident.
In der Stendaler Inszenierung ergänzen Bilder und Video- Sequenzen die Berichte der Lynndie England bei der psychologischen Beratung, vor dem Gericht und auch ihre fiktiven Videobotschaften an eine Freundin oder Anrufe der Mutter im Gefängnis.
Es sind auch die berühmten Skandalbilder darunter, die die Zuschauer auf der großen Leinwand treffen. Keine Schonung!
Auch Hintergründe, die aus der Dokumentation stammen, schonen die Zuschauer nicht. Die Eindringlichkeit des Stückes und der Inszenierung und des Spiels der Darstellerin kommen aus dieser Kargheit und Konzentration. Es entsteht nichrs Rührseliges, kein Mitgefühl und keine Hoffnung.
Die Erklärung für das Verhalten von Lynndie England vertieft die Fassungslosigkeit und zeigt, dass diese für uns ein wahrlich luxuriöses Gefühl ist.