Groteske von Sascha Löschner

Ein vogelkundebegeisterter Pfarrer schießt einen Engel flügellahm und nimmt ihn zu sich. Der pragmatische Geistliche erfährt, dass sein bisheriger Glaube nur die Etüde zur wahren Offenbarung war – aber wie soll er das seiner Gemeinde beibringen? Die Menschen sind nicht bereit für eine Begegnung mit dem Vollkommenen – für die einen ist der Engel ein Spinner, für die anderen ein Querulant, für einige sogar ein kommunistischer Provokateur. Endlich findet ein Werk des großen H.G. Wells („Die Zeitmaschine“, „Krieg der Welten“) den Weg auf eine deutsche Bühne!

Pressestimme: Eine Frage der Unschuld

Die Geschichte vom Engel im Hause des Vikars und dem Reigen der absonderlichen Dorfbewohner (unstellbar auf abschüssiger Ebene: Mathias Kusche, Sören Ergang, Manfred Ohnoutka) weitet sich zu Parabel. Einer absurden allerdings, denn hier treffen zwei Welten aufeinander, die sich anscheinend nicht verstehen können. Die eine ist zu alt dazu, die andere zu jung. Es ist, als ob Rousseau vor der Aktionärsversammlung einer Großbank jedes Eigentum für unnatürlich erklärte. Man würde ihn zwar auslachen, aber man würde ihn auch fürchten. André Vetters zeigt uns den Vikar als einen ahnungsvollen Menschen, der weiß, der Engelstreffer wird ihm eine Menge sehr weltlichen Ärger einbringen. Jan Kittmann als Engel ist einer jener schwarzlockigen Naturburschen, wie sie nur vom Himmel fallen und die darum auch nichts verstehen vom trüben Geschäft des täglichen Überlebenskampfes. Frederike Duggen, die als bereits Tochter des Kneipenwirts Pegeen Mike im »Held der westlichen Welt« auffiel, spielt das (fast) stumme Dienstmädchen im Hause des Vikars. Großartig, wie sie diesem »Dienstmöbel« mit wenigen Gesten eine Seele gibt, die zu Stummheit verurteilt ist, während Vikar und Engel sich wortreich über Gott und die Welt verbreiten. Ihr Schweigen ist beredt.
Die Bühne von Christof von Büren wirkt, als ob gerade eine Sturm über die Provinz hinweg gegangen sei. Lauter schiefe Ebenen, lädierte Möbel, Stühle, denen ein Bein halb weggebrochen ist. Man stakst in viktorianischer Verklemmtheit durch die Pfarrstube, etwas zu umständlich vielleicht, denn es dauert fast eine halbe Stunde bis der Abend zu jenem Tempo findet, in dem »Der Besuch« zu einer anderen Art von »Krieg der Welten« wird: Unschuld gegen Schuld, Schmerz gegen Schmerzlosigkeit, Natur gegen Zivilisation. Ein einziger Strudel, in dem dann alles verwirbelt. Einen »schönen schrägen Abend« nennt Löschner diese Hochbeschleunigungsprozess altenglischen Theaters und meint wohl nicht nur das Bühnenbild. Die Schauspieler können die Zwischenräume zwischen Mensch und Karikatur spielen, das rasante Zugleich von Vernunft und Wahnsinn, dessen, was wir für normal halten. Der fremde Blick des unschuldigen Engels stört uns bei unserem opportunistischen Tagesgeschäft.
Doch das absehbare passiert: der Engel stürzt, er befleckt sich mit all dem, womit wir Sterblichen uns täglich auch beflecken: mit Handlung. Und wer handelt, verliert zwangsläufig seine Unschuld, hört auf, Engel zu sein.(Neues Deutschland)

Pressestimme: Naiver Engel mit vielen Fragen

Die Uraufführungsinszenierung der Groteske “Der Besuch” nach einem Roman von H. G. Wells durch Autor und Dramaturg Sascha Löschner lockte am Sonnabendabend einen ganzen Bus Interessenten aus der Hauptstadt in die altmärkische Provinz, sei es nun als Lobby für den Regisseur, Anhänger des Genres oder um einen hauptstädtischen Gast zu sehen. Die Reaktion am Schluss war ein mir Bravorufen durchsetzter Beifall.
Sascha Löschner hat als Chefdramaturg zunächst den utopisch fantastischen Roman auf seine Aktualität hin geprüft und in satirisch zugespitzter Form menschliches Verhalten als Regisseur auf die Bühne gebracht. Die Ausstattung Christof von Bürens bietet durch ein vielschichtiges Bühnenbild Möglichkeiten einer flüssigen Handlung und unterstreicht durch übertriebene Kostümierung die Charaktere.
Der vom Ornithologen und Vikar der englischen Gemeinde K. Hillyer angeschossene und von ihm aufgenommene Engel sorgt für Unruhe und Aufregung. Dieser Eindringling stellt Fragen naiv und ehrlich zu menschlichem Verhalten, erregt Misstrauen und soll am Ende verschwinden. Für die Bewohner ist er ein extremer Spinner, ein Querulant oder gar ein kommunistischer Provokateur.
Jan Kittmann als Engel ist in dieser Spießerwelt der einzig Humane, der wirklich geradeaus denkt und so reagiert. Versunken in eine “andere Welt”, wenn er der Geige “himmlische Töne” entlockt. Hervorstechend hier: die Studie des Gastes Manfred Ohnoutka als Lady Hammelgallow. André Vetters hat als Vikar seine liebe Mühe mit seinem Gast, erfährt aber durch ihn auch, dass er bisher eigentlich falsch gelebt hat. Und der Engel? Er wird, in die Enge durch Polizeigewalt getrieben zum Mörder (an dieser Gesellschaft?). Nur das Dienstmädchen (Frederike Duggen) aus der untersten Gesellschaftsschicht beginnt ihn zu verstehen, nähert sich vorsichtig, vereint sich mit ihm und beide bleiben letztlich zwischenmenschlich liebevoll natürlich Erdenmenschen. Die Regie schafft es mit den Darstellern, durch Überzeichnungen und natürliche Darstellung andererseit die gesellschaftlichen Diskrepanzen dieser Welt zu verdeutlichen und das Publikum überlegen zu lassen. (Altmark Zeitung)

Pressestimme: Ein gefallener Engel auf Abwegen

Uraufführung am Sonnabend in Theater der Altmark: Sascha Löschners Bühnenfassung “Der Besuch” nach dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells hatte Premiere. Der Autor führte selbst Regie.
Die Handlung ist wundersam und anrührend: Mr. Hillyer, Vikar eines kleinen Dorfes und leidenschaftlicher Vogelkundler, meint einen seltenen Vogel zu sehen. Kurzerhand schießt er ihn vom Himmel herunter. Nur: es ist kein Vogel, sondern ein Engel!
Fluguntauglich wie das verletzte Geschöpf jetzt ist, muss Mr. Hillyer es mit nach Haus nehmen und pflegen. Fortan bringt dieser Engel sehr viel Bewegung in die starre viktorianische Gesellschaft. Wie ein Kind hinterfragt er alles, staunt und wundert sich über die menschlichen Gepflogenheiten.
Die Bewohner des Ortes finden ihn lästig, gar gefährlich. Niemand glaubt, dass er ein echter Engel ist. Niemand, außer dem Vikar. Für diesen ist dieser wundersame Besuch ein Augenöffner. Bei seinen vielen Erklärungsversuchen ergeben sich für ihn neue Perspektiven. (…)
Christof von Büren hat nur mit Brettern – wenn auch nicht die ganze Welt – so doch ein Dorf, Häuser und Landschaft erschaffen. Die Schauspieler stecken in Kostümen, die an verschiedene Tiere erinnern und deren Charakter widerspiegeln. (…)
Anders als in der Romanvorlage von Wells endet das Bühnenstück düster und traurig. Der Engel (Jan Kittmann) wird immer mehr zu einem Menschen. Also zu jemanden, der anderen Schmerz zufügt. Kittmann wandelt sich hier sehr glaubwürdig von dem großen Kind, das mit staunendem Blick durch die Welt geht, zu einem brutalen jungen Mann, der auch vor einem Mord nicht zurückschreckt. (Stendaler Volksstimme)