Komödie von John Millington Synge
Deutsch von Anna-Elisabeth Wiede-Hacks und Peter Hacks

Die wahren Helden leben auf dem Lande! Schon lange hat man im Dorf auf einen wie Christopher Mahon gewartet – ein Mann, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Ein Macher, ein Selbsthelfer, eben ein Held. Aber hat er die „Heldentaten“ wirklich begangen? Synge´s weltbekannte Komödie entlarvt amüsant die gesellschaftlichen Spielregeln, nach denen unsere Vorbilder, neudeutsch Stars, auf den Thron gelangen – und ebenso schnell wieder fallen gelassen werden.

Diese „Helden“ sind die Summe unserer innersten Wünsche als Gestalt. Zum Helden kann jeder werden, wenn die Zeit für ihn gekommen ist. Der Held ist die positive Variante des Sündenbocks. Wehe, wenn die Wahl auf dich fällt!

Das Theaterkonzept des irischen Dramatikers trug maßgeblich zu seinem Erfolg bei:
„Realismus allein genügt nicht, die Bühne muss Wirklichkeit und Fröhlichkeit ausstrahlen“.

Pressestimme: Ein Held lässt sich beschenken, bewundern und bezirzen

(…) Erzählt wir die groteske Geschichte um einen Helden, der keiner ist, die Geschichte eines vermeintlichen Vatermörders und seiner Bewunderer. Das konservative Publikum ging vor mehr als 100 Jahren auf die Barrikaden, weil es im Stück irischen Heldenmythos verunglimpft und die Nation verhohnepipelt sah. Auch krasse Schimpfwörter im Text erregten Anstoß.
Regisseur Hannes Hametner hielt sich an die Übersetzung von Anna Elisabeth Wiede und Peter Hacks, die als feinste Übertragung des Werkes ins Deutsche gilt. Die Inszenierung lässt die poetische Sprache voller Witz und Scharfsinn nahezu unberührt. Sich auf ihren Klang einzulassen, ist Theatererlebnis allein.
Das Bühnenbild von Christopher Melching versetzt in eine Kneipe in einem irischen Küstennest. Holzgetäfelter biederer Charme, an der Wand aneinandergereihte Stühle mehrerer Fabrikate, ein Kamin. Dialoge, Erscheinungsbild der kauzigen Figuren und durch eine Leinwand schimmernde “Schattenspiele” beleben die Fantasie, wie es “draußen” aussehen mag: endloses, raues Meer an schroffer Küste, Regen und Matsch, vor dem Haus grasende Viecher. Kein leichtes Leben. Kein aufregendes Leben.
Doch dann wird es aufregend. Ein junger Fremdling kommt in die Kneipe und stammelt, seinen scheußlichen Vater erschlagen zu haben. Nun ist es nicht so, dass die Dörfler entsetzt auseinanderstieben, nein, ein Held ist angekommen!
Kontrast: Sören Ergang zeigt einen erbarmungswürdigen Jämmerling in abgewetzten Klamotten, frierend und ausgehungert, verkrampft die Joppe zuhaltend, sich ängstlich in die Ecke kauernd. Doch egal. Der kollektive Wille, einen Helden vor sich zu haben, ist stärker.
Die Männer teilen brüderlich den Schnaps mit ihm. Michel Haebler und André Vetters spielen herrlich witzig und unübertrieben die hoffnungslosen Suffköppe. Gleich mehrere Damen buhlen um die Gunst des Mörders. Wer so viel Wildheit in sich trägt, auf den ist jede scharf. Da ist die Witwe in Gummistiefeln, die Claudia Lüftenegger als schlaue Strippenzieherin verkörpert. Da sind die drei Jungen, deren bebende Hormonschübe Susanne Kreckel, Maike Knirsch und Giulia Weis in ein “Vatermörder”-Ständchen münden lassen. Sie liebkosen gar die stinkenden Schuhe des Verbrechers. Die Favoritin im Wirrwarr schießt ihren Freund ab, um sich mit dem Wilden zusammentun zu können. Frederike Duggen spielt die Frau, die weiß, was sie will bzw. nicht will – einen wortkargen Langweiler. Jan Kittmann spielt ihn als einen, der nicht wissen kann, was er eigentlich falsch macht.
Der Held lässt sich beschenken und bewundern und bezirzen. Sören Ergang zeigt, wie gut es tut, sich in Anerkennung zu sonnen. Der anfangs scheue Tunichtgut hat bald Sieger-Posen drauf. Blöd nur, dass Papa (Bernd Marquardt als stoischer Tyrann) in der Kneipe aufkreuzt – mit lädiertem Schädel, aber sonst mopsfidel. Die Stimmung kippt. Das war’s mit dem Helden(tum).
Das geneigte Publikum darf sich mit der Heldenfrage kritisch auseinandersetzen. Warum lechzt der Mensch nach Rittern, Draufgängern, Siegern, Idolen, Stars und Teufelskerlen? Gilt es, sich von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, jemand anhimmeln zu können, sich aus dem Profanen des Daseins zu träumen? Jede Gesellschaft macht diejenigen zu “Helden”, die sie verdient? Den Gedanken freien Lauf.

Pressestimme: Held der Leere

(…) Vom Aufstieg und Sturz eines Helden ist in diesen Tagen viel die Rede. Tatsächlich lässt sich mit Synges heute nur noch selten gespieltem Stück auch die Guttenberg-Story in irisch-poetisch-derber Verfremdung erkennen. Womit die Aktualität der Inszenierung von Hannes Hametner am Theater der Altmark Stendal einen gewitzten Extra-Schub erhält.
Christopher Mahon hat seinem Vater mit der Schaufel eins übergebraten und flieht ins nächste Kaff, wo man im Wirtshaus eine solch dreiste Tat für Heldentum hält. Mahon erhält Kleider, bekommt die Tochter des Wirts versprochen und bewährt sich in einem Wettkampf – bis der Vater mit seinem nur arg lädierten Schädel auftaucht. Nun muss Christopher ihn, in der Aufrechterhaltung seiner Heldenstory, ein zweites Mal niederstrecken.
Doch die Stimmung kippt, denn dem Helden soll es an den Kragen gehen, die Behörden sind ihm auch schon auf der Spur. Am Ende zieht der noch einmal auferstandene Vater mit seinem Spross von dannen, die Sache ist gut fürs Erzählen “von den Narren, was hier gibt”. Zurück bleiben, die den Held sowieso gern losgeworden wären, und jene, die nun seinen Verlust beklagen. Wozu also Helden, und was bringt sie zu Fall?
Eine grandiose, sprachmächtige Posse, die bei ihrer Uraufführung 1907 wegen der negativen Darstellung des irischen Landlebens nebst angeblicher Anzüglichkeiten einen Skandal auslöste. Peter Hacks und Elisabeth Wiede dichteten 1956 ihre deutsche Fassung dieses gewiss nicht leicht zu übersetzenden Stücks fürs Berliner Ensemble. In Stendal ist diese großartige Übersetzung ein bedeutender Teil der Wiederentdeckung.
Hametner begreift diese Ödipus-Variante des Misslingens als einen Vorläufer Becketts, dessen “Godot” er in Stendal vor reichlich einem Jahr in grundlegend neuer Interpretation vorstellte. Auf die zunächst im Studioformat genutzte Hinterbühne hat Christopher Melching eine schäbige Holzwand gebaut, durch deren viel zu niedrige Wirtshaustür die Figuren nur halb geduckt eintreten. Diese Koloritkulisse ist zugleich der Unterbau für ein Schattentheater darüber, in dem einige der nur berichteten Szenen – wie etwa der zweite Schaufelhieb – gezeigt werden.
Diese Balance zwischen Sehen und Reden erlaubt dann auch eine Spielweise, in der nicht – wie Synge das im Sinn hatte – jede Bewegung allein durch Sprache hervorgebracht werden muss. Prall ist das Figurenbild dennoch, und die insgesamt zehn Spieler, also fast das gesamte Ensemble, legen sich mächtig ins Zeug.
Sören Ergang spielt den jungen Mahon als naiven Aufsteiger, der, bald in Seidenklamotten, von seinem Vater schnell wieder runtergemacht wird. In diesem Alten von Bernd Marquardt, einem graubäritgen Polterer, ist leicht zu erkennen, dass es doch recht vergeblich ist, eine Veränderung der lächerlichen und um nichts weniger grauenhaften Verhältnisse zu erwarten. Egal, ob nun gerade ein Held von den Frauen gefeiert wird (wie von der hier sehr schönen Witwe Quin – Claudia Lüftenegger) oder von anderen Aufsteigern beneidet (so Jan Kittmann sehr deutlich als nicht ganz so armer Jungbauer). Am Ende öffnet sich der Schattenvorhang hin zum großen Parkett des Theaters, und die Mahons laufen gleichsam ins leere Publikum des großen Saals. Das ist ein großes Schlussbild, auch eine Theatermetapher für die Leere in der zuschauenden Gesellschaft, vor allem aber eine große Geste, das sich dieses Stück in die Gegenwart öffnen kann. (Neues Deutschland)