Premiere: 20.03.2010 / 19:30 Uhr
Besetzung
| Inszenierung | Frank Düwel |
| Bühne und Kostüme | Christopher Melching |
| Dramaturgie | Antonia Holle |
| Dotty Otley | Alexa Wilzek |
| Belinda Blair | Claudia Lüftenegger |
| Brooke Ashton | Frederike Duggen |
| Poppy Norton-Taylor | Rike Schubert |
| Selsdon Mowbray | Bernd Marquardt |
| Lloyd Dallas | Michel Haebler |
| Garry Lejeune | Sören Ergang |
| Tim Allgood | David Prosenc |
| Frederick Fellowes | Andreas Schirra |
Chaos pur: Die Truppe eines Tourneetheaters steht mit der Komödie “Nackte Tatsachen” unmittelbar vor der Premiere und nichts klappt. Kein Wunder, dass allmählich nicht nur die Nerven des Regisseurs blank liegen, wenn Dotty zum x-ten Mal ihr Requisit vergisst, Selsdon vom Alkoholkonsum abgehalten werden muss und Brooke schon wieder ihre Kontaktlinsen verloren hat…
Das Erfolgsstück um eine Theatertruppe auf Reisen, bei der so ziemlich alles schief läuft – sehr zum Ergötzen der Zuschauer, die endlich einmal hinter die Kulissen schauen dürfen. Bretter, die die Welt bedeuten? Hoffentlich stimmt das so nicht! Denn bei Frayn hat der Wahnsinn Methode. Eine Komödie mit Kultstatus, voller Irrwitz, Chaos und Turbulenz – endlich auch bei uns!
Vor dem offenen Vorhang zum Zuschauer hin erlebt dieser eine öffentliche Hauptprobe einer komödiantischen Farce, eben “Der nackte Wahnsinn”. Was allerdings auch den im Saal anwesenden “Regisseur” (…) in den Wahnsinn treibt, sind die hektischen Patzer seines Ensembles. (…) Danach sitzen die Zuschauer auf der Hinterbühne, quasi hinter den Kulissen derselben “Inszenierung” und erleben den Ablauf eines Aktes der Vorstellung dieser Farce nun “von hinten”. Das ist nicht weniger katastrophal. Persönliche Reibereien, Eifersüchte und Trinkgelüste bringen dauernd die Vorstellung in Gefahr. Lachsalven über Lachsalven ergießen sich förmlich über das Ensemble für dessen nahezu artistische Leistungen auch hier.
Dritter Akt: Letzte Vorstellung des Tourneéensembles von “Nackte Tatsachen”, wieder vom Zuschauerraum aus gesehen. (…) Es entsteht tatsächlich im Chaos “Der nackte Wahnsinn” auf der Bühne. Hatte man vorher schon Mühe, die Lachmuskeln nicht zu sehr zu strapazieren, jetzt musste und sollte man ungehindert lachen. Das geschah am Premierenabend zu Genüge.
Das Darstellerensemble (…) ließ keine Gelegenheit aus, um diszipliniert das “Bühnenchaos” entstehen zu lassen. Dass alle dabei ihrem Komödiantenaffen kräftig Zucker gaben, versteht sich. Ob Frederike Duggen in Unterwäsche als eigentlich lüsterne Liebhaberin ihre Augenlinse verliert und halbblind suchend auf der Bühne umherrutscht, ob Bernd Marquardt als obendrein schwerhöriger Alter und Einbrecher nach und nach eine Flasche Whiskey in sich hineinschüttet, ob sich Michel Haebler die Haare als Regisseur rauft wegen des Chaos, das dauernd auszubrechen droht, alles geschieht im beispielhaften Ensemblezusammenspiel dieser Inszenierung. (…) Hier passt alles zusammen für einen köstlichen Theaterspaß ausgelöst durch eine großartige Textvorlage, umgesetzt von einem spielfreudig engagierten Ensemble.
Altmark Zeitung 24.03.2010
Michael Frayns Komödie sorgte für viel Heiterkeit, die Schauspieler verpassten ihren Einsatz auf den Punkt genau! Kurzum: Die Premiere von “Der nackte Wahnsinn” (…) wurde ein Erfolg. (…)
Das Stendaler Publikum erlebte zunächst aus der Sicht des Regisseurs die Generalprobe eines drittklassigen englischen Ensembles für die Boulevardkomödie “Nackte Tatsachen”. (…) Auch wenn Brooke, die obligatorische sexy Blondine mit den “Zu vermieten”-Schildern in den Augen (…) mal wieder ihre Kontaktlinsen vermisst, oder Selsdon, der mühsam vom Alkohol ferngehalten werden muss, seinen Einsatz und den Text verpatzt (…). Am Ende der Generalprobe steht das mäßig lustige Stück so einigermaßen. Selbst der penetrant naive Frederick (…) hat keine weiteren Fragen zum Inhalt des Stückes; zum Glück, denn der zynische Regisseur (…) ist kurz vorm Explodieren.
Die Theatertruppe geht auf Tournee durch die englische Provinz. Das Stendaler Publikum trifft sie wieder bei ihrer 20. Aufführung. Diesmal sieht es jedoch die ganze Sache von hinten. Es sitzt hinter der Bühne und wird Zeuge diverser Katastrophen. Ganze Dramen spielen sich hinter den Sperrholztüren ab: der junge und temperamentvolle Garry (…) vergeht vor Eifersucht, denn seine (…) Kollegin und Herzensdame wendet sich von ihm ab. Schauspielerin Belinda, das souveräne und tatkräftige, wenn auch klatschsüchtige Ensemblemitglied (…), die verhuschte Regieassistentin Poppy (…) und Bühnenmeister Tim (…) haben alle Hände voll zu tun, um Mord und Totschlag zu verhindern. Irgendwie bekommen sie das Stück doch noch über die Bühne. (…) Bei der dritten und letzten Aufführung, wieder von vorn erlebt, kann man das nicht behaupten. Was sich hinter den Kulissen abspielt, weiß man ja jetzt, was sich auf der Bühne tut, ist nur noch mit drei Worten zu beschreiben: der nackte Wahnsinn! Nichts klappt, Requisiten werden vergessen, Einsätze verpasst, es wird wild improvisiert, kurz: das Publikum konnte Tränen lachen.
Die Inszenierung von Frank Düwel hat alles, was eine gelungene Komödie ausmacht: richtiges Timing und durchweg überzeugende Schauspieler. Viel Applaus für einen sehr amüsanten Abend.
Stendaler Volksstimme 22.03.2010