Komödie von Jaan Tätte aus dem Estnischen von Irja Grönholm

Der ICH-Erzähler in Jaan Tättes Komödie hat alles erreicht: eine schöne Frau, einen coolen Sohn, Autos, Spitzeneinkommen und ein Büro, in dem die Aussicht aus den Panoramafenstern mit der auf den Vorbau der Sekretärin konkurriert. Aber irgendetwas fehlt. Trotzdem. Irgendwie…

ICH beschließt, ein Jahr Pause zu machen und sucht die Einsamkeit in den Wäldern. In einer abgeschiedenen Blockhütte an einem stillen See irgendwo in Estland offenbart sich ihm allmählich der Sinn des Daseins – eine Erkenntnis, die er gern mit den Einheimischen teilt. Im Lichte seines neuen Glaubens verzichtet er auf alle irdischen Güter, verschenkt seine Millionen und verliebt sich neu. Doch plötzlich wenden sich alle von ihm ab… Jaan Tätte zielt mit dieser hintergründigen Parodie in alle Richtungen – auf die Oberflählichkeit der neureichen Yuppies, die jede Bodenhaftung verloren haben, auf die Begrenztheit vermeintlicher Dorfiylle, die Banalität übertriebener Naturanbetung und auf die Fragwürdigkeit narzisstischer Aussteigermodelle.Wann kippt der Wagen des Lebens aus der Bahn? Wenn die Kurve zu eng oder das Steuer zu plötzlich herumgerissen wird: Elchtest.

Pressestimmen:

„Elchtest“ am Theater der Altmark Stendal
Viele komische Situationen, aber auch Anrührendes
Von Birgit Tyllack
Stendal. Er hat es richtig gemacht! Rechtzeitig hat er die Zeichen der Zeit erkannt und ist ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann in der Mobiltelefonbranche geworden. Millionen hat er verdient und in seinem Büro hat er Aussicht auf Tallinn und auf die hübschen Sekretärinnen und deren Dekolletés. Nun auch noch als Krönung seiner Laufbahn der Exklusivvertrag mit Nokia! Privat kann er sich auch nicht beklagen: Seine attraktive Ehefrau Monica ist tolerant, sein Sohn besucht die Universität. Der Mann, der in „Elchtest“ des estnischen Autors Jaan Tätte am Theater der Altmark seine Geschichte erzählt und dessen Namen wir nicht erfahren, kann mit sich und seinem Leben zufrieden sein. Doch eines Tages schaut er in den Spiegel und sieht einen Fremden. ICH beschließt, eine Pause einzulegen und kauft sich eine Blockhütte irgendwo in den estnischen Wäldern. Hier in der Abgeschiedenheit ohne Strom und fließend Wasser will er wieder zu sich finden. Seine Frau reagiert gelassen. Was der Protagonist als gutes Zeichen für seine Ehe wertet. Dass Monica es kaum abwarten kann ihn loszuwerden, scheint ihm zu entgehen. Nun sitzt er also in seiner Blockhütte. Einsam und ohne Handyempfang. Einige Dorfbewohner besuchen ihn: schräge Vögel wie Uugu. Die Besucher sind wie die Gegend: rau und ungehobelt, einfach und direkt. Scheinbar aus dem Nichts taucht eines Abends Sirli auf. Die junge Frau ist auch anders. Sie redet offen über den Sex, den ICH und sie haben könnten, sie ist unverbraucht und hat Ideen. Eine davon betrifft den Eremiten: Einen neuen Guru könnten die Dorfbewohner gebrauchen. Nachdem Sirli spurlos verschwunden ist, wandelt ICH die Ideen um. Eine alte Gardine ist schnell gefunden, ein Eichenlaubkranz geflochten, und schon werden die Dorfbewohner am Lagerfeuer mit wilden Tänzen und eindrucksvollen Reden („Wenn der Mensch aufs Klo geht, ist das wie ein Wunder!“) beglückt. ICH hat seine neue Aufgabe gefunden, er unterschreibt eine Verzichtserklärung für seinen Partner und die Scheidungspapiere. Groß ist sein Erstaunen, als die Dorfbewohner seinen Happenings fernbleiben. Uugu erklärt es ihm: Einem reichen Mann hört man zu, doch jetzt, nachdem er sein Geld willig verteilt hat? Arme Schlucker wollen keinem anderen armenSchlucker andächtig lauschen. ICH steht nun wirklich einsam, verlassen und arm da. Sollte man meinen. Aber es ist noch nicht alles verloren. Erstens war er so klug und hat die obengenannten Schreiben mit nicht gültigen Unterschriften versehen, und zweitens haben er und Sirli eine neue Idee, um viel Geld zu machen …Regisseur Matthias Straub lässt die Stendaler Inszenierung mit nur drei Schauspielern auskommen: Nikolai Radke (ICH), Rike Schubert (Ehefrau Monica und Sirli) und Bernd Marquardt (Geschäftspartner Peeter und diverse Dorfbewohner). Schubert und Marquardt verstehen es grandios, diese unterschiedlichen Charaktere durch Änderungen in der Mimik und der Sprache voneinander abzugrenzen. Nikolai Radke ist anderthalb Stunden auf der Bühne mit einer unglaublichen Präsenz zu erleben. Er wandelt sich vor den Augen des Publikums vom Businessmenschen zum Aussteiger, erzählt mit großen Gesten, wird ganz klein, wenn er sich aufs Bett kauert, tanzt ums Feuer… kurz: Er nimmt den ganzen Raum ein. Und auch immer die Aufmerksamkeit des Publikums. Er und seine Mitstreiter schaffen es, dem Stück die Dynamik zu geben, die es verlangt. Das ist auch ein Verdienst der Bühnenausstattung. Christof von Büren hat es geschafft, alles an einen Ort zu bekommen. Hier ist Wald mit Bäumen und typischem Bodenbelag, gleichzeitig Blockhütte mit heruntergekommenen Möbeln. Videoaufnahmen erweitern die Bühne für gewisse Szenen. „Elchtest“ ist Satire pur. Eigentlich bekommen alle ihr Fett weg: zunächst natürlich die oberflächlichen und schnelllebigen Erfolgsmenschen. Aber ebenso die wichtigtuerischen Aussteiger, die denken, dass sie mit ihrem Ausstieg etwas ganz Besonderes leisten. Und zum Schluss auch all die anderen, unsere Gesellschaft allgemein, weil wir uns häufig und eifrig auf – zum Teil versponnene – Ideen stürzen und hoffen, die Lösung unserer Probleme hier zu finden. Oder weil wir uns immer wieder von Reichtum blenden lassen.„Elchtest“ bezeichnet sich als Komödie. Und sicherlich bietet diese gelungene Inszenierung viele Situationen, die zum Brüllen komisch sind. Aber wie es sich für eine richtige Satire gehört: nicht alles ist einfach nur komisch. Vieles ist auch anrührend, beunruhigend und nachdenklich machend. Ein lohnender Theaterabend!