Der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe

Wohl kaum ein Stück, dem die deutsche Sprache mehr „geflügelteWorte” verdankt als dem Faust von Goethe. Offenbar bietet Faust als Person dem deutschen Wesen unendlich Identifiktionsmöglichkeiten. Dass der Mensch jede denkbare Realität auch erschaffen wird, das spielt Goethe hier erstmals konsequent durch. Faust erscheint als der drängende, strebende Geist im Dienste der Aufklärung, als Tatmensch, der der Vernunft und seinem Geist mehr vertraut als Verkündern, Heiligen oder Priestern gleich welcher Religion. 200 Jahre sind seither vergangen. Das Vernunftprojekt ist selbst zum Mythos erstarrt, der Wissenschaftler ist zum Priester geworden – letzte Kontroll- und Deutungsinstanz in einer überaus komplexen Welt. Zwei Seelen wohnten nur in seiner Brust? Fast möchten wir Faust beneiden um die Transparenz seiner Schizophrenie. Dem, der alles beherrschen wollte, entgleitet das Nächst-liegende. Sein unendlicher Tatendrang zerstört am Ende ALLES. Keine Wissenschaft und keine Technik dieser Welt können ihn von der Tragik der menschlichen Existenz befreien.

Pressestimme: Faust im 21. Jahrhundert: Auf einen Joint mit Teufel

Goethes „Faust“ verliert nie seinen Reiz. Obwohl Mut dazu gehört, versuchen sich Theaterschaffende allerorten immer wieder am Stoff. Der Mut des neuen Intendanten des Theaters der Altmark, Dirk Löschner, gemeinsam mit seinem Ensemble „Der Tragödie erster Teil“ auf die Bühne zu bringen, hat sich gelohnt. Das Publikum feierte die Premiere am Sonnabendabend in Stendal mit langanhaltendem Applaus.
Stendal. Der „Faust“ im Heute. Ein Mephisto im langen Ledermantel, ein Faust am Laptop, ein Gretchen mit Handy. Die wunderbaren Verse Goethes sind mit einem vorzüglichen Gespür in Szene gesetzt, stimmungsvolle Lichtspiele und peppige Musik verleihen dem Stück eine gehörige Portion Frische.
Raffinierte Bühnendrehtechnik zweier beweglicher Blöcke ermöglichen rasante Szenenübergänge – etwa zwischen Studierstube, Gretchens Zimmer, Garten und Kerker. Die Bühnenbilder sind in ihrer Kargheit auf den Punkt konzipiert. Der rastlose Forscher Faust tritt aus einen mit grünem Nebel gefüllten Zelt in weißem Schutzanzug heraus und proklamiert seine fundamentale Sinnkrise, trotz aller Studiererei nicht zu wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.
Mitreißendes Spiel der Protagonisten
Michel Haebler als Faust muss sich anfangs scheinbar erst warmspielen. Die unbändige verzweifelte Leidenschaft des frustrierten Wissenschaftlers zu zeigen, will in dieser Schlüsselszene nicht recht gelingen. Doch mit dem von der ersten Minute an voll präsenten Mathias Kusche als Mephisto entspinnt sich ein mitreißendes Spiel der beiden Protagonisten.
Sie schließen einen Pakt: Mephisto führt Faust zu den (Erkenntnis-)Wonnen einer anderen Welt, Faust verschreibt dem Teufel seine Seele. Witziger Einfall: Faust bekommt einen Joint verpasst und erlebt einen sagenhaften Trip. Der wild tanzende Haebler macht den anfangs verkrampften Eindruck wieder wett.
Überhaupt ist die Inszenierung oft heiter. So etwa zeigt Kusche komödiantisches Können in der Pudelszene. Haebler amüsiert als liebestrunkener, lüsterner Faust. Doch bei aller Heiterkeit: Der Schwerpunkt der Inszenierung ist auf die Tragödie um Gretchen gelegt. Frederike gibt kein naives, gottesfürchtiges Mädchen wie bei Goethe, sondern einen selbstbewussten Teenager. „Bin weder Fräulein, weder schön“ kommt sehr schnodderig. Duggen begeistert mit ihrem kontrastreichen Spiel. Dem Vers „Meine Ruh ist hin…“ verleiht sie witzige Aspekte, wälzt sie sich doch vor Liebespein am Boden. Brillant sind jedoch ihre dramatischen Auftritte, so etwa in der Kerkerszene. Wehklagen und Körpersprache der wahnsinnigen, von Schuldgefühlen zerfressenen „Sünderin“ gehen unter die Haut.
Die Inszenierung ist auf gut zwei Stunden gehalten und um einige Szenen gekürzt. Der Erdgeist tritt nicht auf. Dafür zwei andere Geister, wunderbar gespielt von David Prosenc und Sören Ergang. Mephisto bedient sich ihrer in zwei Szenen, einen lässt er in die Rolle des unterwürfigen Schülers schlüpfen, den anderen in die des Valentin, Gretchens Bruder.
Was ist gut und was ist böse?
In der Stendaler Inszenierung ist es nicht wie bei Goethe Mephisto, der den Schüler einschüchtert und alle Fakultäten verhöhnt, sondern Faust selbst. Gretchen stirbt gar in den Armen des Mephisto, sein Ledermantel deckt sie zu.
Damit stehen sie im Raum, die Fragen: Was ist gut, was böse? Wer ist jetzt der Gute, wer der Böse? Kann selbst ein Mephisto nicht mehr gegenhalten im menschlichen Erkenntnisdrang, der Konsequenzen und Verantwortung negiert?
Die Inszenierung hat es geschafft: Nach großem Beifall für einen neuen „Faust“ geht es sehr nachdenklich aus dem Theatersaal.