Im Rahmen der Ausstellung „Justiz im Nationalsozialismus“ 20.08. – 08.10.2009 Landgericht Stendal
Premiere 20.08.2009 / 17:30 Uhr
Besetzung
| Inszenierung | Hannes Hametner |
| Bühne und Kostüme | Marlis Knoblauch |
| Dramaturgie | Sascha Löschner |
| Rudolf (Erzähler) | Bernd Marquardt |
| Vater/ Weber–Staatsanwalt/ Ernst–Scharfrichter/ GI | David Prosenc |
| Mutter/ Tante Friedchen/ Bäckerin/ Ilse-Mitinsassin | Frederike Duggen |
| Köhn (Nachbar)/ Pillich – Richter / | |
| Alfred–zweiter Scharfrichter | Andreas Schirra |
Rudolf soll sich erinnern! An einen Fall aus seiner Kindheit. An Tante Piehler. Die immer so leckere Kartoffelpuffer machte für ihn. Da war er sechs. Und dann war da die Sache mit dem Fliegeralarm und der fehlenden Geldbörse seiner Eltern und dem Verdacht. Konnte ja kein anderer gewesen sein. Die Piehler war ja schon immer „so eine“…Die wusste, wie die Gerichte arbeiten – unter dem Kaiser, in der Republik. 31 mal vor Gericht – und nun unter Hitler. Aber das ist anders: „Ich habe in meinem Leben milde Urteile gekriegt und harte Urteile, mal 6 Monate, mal 4 Jahre. Aber immer habe ich sie dafür gekriegt, was ich getan hatte. Nie dafür, was ich gedacht habe. Und nie dafür, wer ich bin.“
Thilo Reffert zeigt eindrücklich, wie sich Weltanschauung und Moral der Nationalsozialisten in den Familien und Institutionen niederschlagen. Dabei wird aus einem anonymen „Fall“ eine persönliche Geschichte, deren Folgen bis ins Heute reichen.
In Kooperation mit dem Landgericht Stendal und der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, unterstützt von der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Erhard-Hübener-Stiftung e.V.
Die Angeklagte sagt zum Staatsanwalt: „Jungchen, du hast Angst, das kann ich riechen. Du stinkst vor Angst“. Anna Piehler, 72, steht vor Gericht. (…)
Anna Piehler – ein wahrer Fall, den das Theater der Altmark zu einem Bühnenstück verarbeitete.
Mit „Unkraut vergeht nicht“, mit seinen Momenten, die unter die Haut gehen, gelingt es, vom Schicksal eines einzelnen Menschen ergriffen zu sein. Und es lässt darüber nachdenken, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht als selbstverständlich anzusehen. (Claudia Klupsch)
Durch die Erzählerfigur wird das Geschehen aus der Historie ins Heute geholt und kommentiert. Marquardts Aufgabe von der Gegenwart einzusteigen in die Erinnerungsszenen von Damals sind von eindringlicher Konsequenz und Darstellungskraft gezeichnet. (hh)
Reffert ist es gelungen, mit dem letzten Zeitzeugen zu sprechen – dem damals achtjährigen Rudolf, dessen Mutter die Besitzerin der verschwundenen Geldbörse war. Er wird auch zum Erzähler im Theaterstück. Seine Aussage, Anna Piehler sei die einzige gewesen, die er im Luftschutzkeller gesehen habe, hatte offenbar für die Verhaftung und das Urteil gereicht.
Er erzählte Reffert, dass Tante Piehler die besten Kartoffelpuffer machte und nach ihrer Rückkehr nach Schönebeck sogar einmal bei seiner Familie vorbeigeschaut hatte. Keine Vorwürfe habe sie gemacht, berichtete er dem Autor. Aber ein Satz Anna Piehlers sei ihm in Erinnerung geblieben: „Der Kopp ist noch dran“. (Manuela Bank)